Kommentar zum Artikel »Gesundheitsrisiko Asbest. 30 Jahre Asbestverbot« von Martin Kessel und Gudrun Huneke, Experteninterview in »Bausachverständige«, Jg. 20, Nr. 5 (2024), S. 38–40.
1 Einführung
In einem Interview mit dem VDI, abgedruckt in der Zeitschrift Bausachverständige, Ausgabe 5/2024, behauptet Dipl.-Ing. Martin Kessel, stellvertretender Vorsitzender im VDI-Fachbereich Bautechnik, dass sich in den vergangenen Jahren die Anzahl der Asbesttoten erhöht hat und sich aufgrund der Sanierung asbesthaltiger Gebäude weiter erhöhen wird. Wörtlich heißt es in dem Beitrag:
»Wenig bekannt ist, dass diese Zahlen seit Jahren nicht rückläufig sind, wie viele es nach dem Verbot in den 1990ern erwartet haben. Ganz im Gegenteil – die Zahlen steigen noch und es ist kurzfristig auch keine gegenteilige Entwicklung zu erwarten.«
Es bleibt unklar, auf welche Datenbestände Herr Kessel bei seinen Aussagen zurückgreift.
2 Die Bewertung der tatsächlichen Situation zu Krebserkrankungen durch Asbest
Nun ist es so, dass seitens der zuständigen Stellen nur sehr spärlich Angaben zu Erkrankungen durch Asbest, Berufskrankheiten-Nr. 4103, 4104, 4105, 4114 vermittelt werden. Das erscheint widersprüchlich. Letztlich sind diese Erkrankungen und auftretende Todesfälle zentral anzeigepflichtig. Die Daten werden im Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) im Robert-Koch-Institut Berlin (RKI) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Mesotheliomregister / Institut für Pathologie der Ruhr-Universität Bochum erfasst und ausgewertet.
Auf der Grundlage der Datensammlung zu Krebserkrankungen veröffentlicht das RKI zweijährlich unter dem Titel »Krebs in Deutschland« ab dem Jahr 2002 Analysen und Bewertungsberichte zu den gesammelten Daten. Die letzte Veröffentlichung ist aus dem Jahr 2023 und erfasst die Analyse der Krebserkrankungen für die Kalenderjahre 2019/2020. Von daher ist die Behauptung von Kessel sehr kühn, wenn er die Zahl der jährlichen Asbesttoten mit knapp 1.600 Todesopfern und eine Dunkelziffer von rund 15.000 Todesopfern angibt. Diese Daten werden durch die dafür zuständigen Stellen nicht gedeckt.
2.1 Rückläufige Statistiken bei Neuerkrankungen und Todesfällen
Aufgrund von Zusammenfassungen in den Veröffentlichungen ist es sehr kompliziert, aus den Zahlen über Krebserkrankungen der Lunge Angaben über den Anteil der Asbestgeschädigten abzuleiten. Pauschal besagen die Statistiken bei Lungenkrebs, dass die Zahlen der Erkrankungen seit 1990 bei Männern rückläufig sind, während Erkrankungen bei Frauen zunehmen. Begründet wird dies vor allem durch gegenläufige Entwicklungen der Rauchgewohnheiten.
Geschätzt wird, dass ca. 9 bis 15% der Krebserkrankungen der Lunge durch die berufliche Exposition gegenüber krebserregenden Stoffen bedingt sind. Hierzu zählen unter anderem Asbest, Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe, Arsen und vor allem Quarzstäube. Auch die berufliche oder häusliche Belastung mit Radon, einem natürlich vorkommenden radioaktiven Edelgas, oder anderen Quellen ionisierender Strahlung erhöht regional das Krebsrisiko.
Eigentlich wurde von mir angenommen, dass belastbare Zahlen für die Krebserkrankung der Lunge aufgrund berufsbedingter Asbestexposition vorliegen, auf Rückfrage konnte jedoch weder das RKI noch das von der DGUV gestützte Mesotheliomregister konkrete Aussagen darüber machen.
Konkreter sind die Angaben über die Erkrankung an dem Mesotheliom, die statistisch seit 2009/2010 gesondert geführt werden. In den Statistiken wird seit zehn Jahren wiederholend ausgesagt, dass die Neuerkrankungen am Mesotheliom kontinuierlich rückläufig sind. Erhöhte Erkrankungs- und Sterberaten sind in den Regionalbereichen von Schiffsbau, Stahlindustrie und ehemaligen Produktionsstätten der Asbestindustrie vorhanden.
Asbesterkrankungen haben eine große Latenzzeit von Inhalation der Fasern bis zur Feststellung der Erkrankung. Es ergibt sich schlussfolgernd, dass es sich um sogenannte Nachwehen von Industriebereichen handelt, die bereits vor dem Jahr 1990 aufgegeben wurden. Die rückläufigen Erkrankungsraten, die beim nachweislich asbestbedingten Mesotheliom festgestellt wurden, sind auch auf die anderen asbestbedingten Krebserkrankungen zu übertragen.
Die Datenübersicht weist aus, dass der Rückgang des Erkrankungsrisikos statistisch nachgewiesen ist. Lediglich das Erkrankungsrisiko der 75-Jährigen zeigt einen Anstieg der Werte.
Den ganzen Beitrag können Sie in der April-Ausgabe von »Bausachverständige« lesen.
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