BauSV 2/2025


Bauschäden

Abb. 7: Sanierte Altbauvilla 9 Monate alt, Schleimpilze an Deckschalenunterseite (FvDb Typ Vario KM XtraSafe sd-Wert 0,3-20 m)

Ingo Kern, Andreas Jurgeleit


Bio-logischer Fehler: das selbstkompostierende Flachdach

Von dauerhaft zu dauerfeucht


Die Welt, die Menschen und voll gedämmte, unbelüftete Holzflachdächer sind komplizierte Angelegenheiten. Ihr Zusammenwirken und die Wechselbeziehungen sind oft sogar ganz außerordentlich unübersichtlich. Deshalb wäre es verächtlich, wenn man anderen vormachen wollte, die Bauweise lasse sich mit wenig Aufwand leicht verstehen und deren Herstellung ohne gedankliche Mühen und handwerkliche Risiken meistern.

Das ist falsch und wer es glaubt, zählt auf Dauer eher zu den Verlierern. Einfach zu meinen, die Lage solle anders sein, als man selbst meint, reicht aus naheliegenden Gründen nicht aus. Man muss über aktuelle Urteile sprechen und Veränderungen sollte man einfach mal ernst nehmen. Erste Voraussetzung dafür: Fachwissen. Das liegt doch für vernünftige Menschen auf der Hand, oder? Zur intellektuellen Aufhellung und einen schärferen Blick auf die Konsequenzen sollen nachfolgende technische und juristische Ausführungen dienen.


Die zauberhafte Welt der Technik

In der Fachwelt gibt es, wie wir uns anlässlich einiger Beiträge in der IBR angelesen haben, kaum noch Zweifel an der Untauglichkeit unbelüfteter und voll gedämmter Holzflachdächer. Es wurde kürzlich an der Peripherie der deutschen Rechtsprechung ein Architekt in die Haftung genommen, weil er ein fehleranfälliges, nicht belüftetes und voll gedämmtes Holzflachdach geplant hatte. Er praktizierte, wenn man den Recherchen glauben darf, eine problematische Vermischung aus Unkenntnis und Unterlassung.

Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme, so berichtet Fuchs, erweise sich die Bauart schon jahrelang als schadensanfällig. Das Prinzip stellt sich, wie Ihnen in allen Teilen der Republik so gut wie jeder Gutachter oder Bautechniker bestätigen kann, für die meisten als glatte Wahrheit heraus, hat aber bei einigen Ahnungslosen bis heute eine gewisse Anziehungskraft. Das ist lehrreich, teilweise lustig, aber auch ein bisschen furchterregend. Das OLG Koblenz hält die Planung trotz der lange geführten kritischen Diskussion zunächst für machbar.[1]

Selbst wenn Sie gewisse Vorstellungen davon haben sollten, bewegt man sich damit auf, wie uns scheint, äußerst unsicherem Terrain. Es stellt nämlich immense Anforderungen an die Ausführungsplanung und Objektüberwachung. Das hat, wie man zugeben muss, seit einigen Jahren öfters nicht geklappt und brachte in der Lebenswirklichkeit ein paar überraschend verhandlungsresistente Begrenzungen mit sich. Das OLG Schleswig entschied 2023, dass ein Dachaufbau, der ein erhöhtes Schadenseintrittsrisiko in sich trägt, unabhängig davon, ob solche Schäden bereits eingetreten sind, mangelhaft ist.[2] Die Berichterstattung gibt beispielhaft Anlass, auf Notwendigkeit und Konsequenzen einiger Entwicklungen hinzuweisen.

Die hier diskutierten, flach geneigten Dachaufbauten sind nach der Holzschutznorm nicht verboten. Es ist auch nicht verboten, mit einem Tretboot den Atlantik zu überqueren. Mit mentaler Kraft und Schwimmweste kann man das machen. Wenn man zahlreiche Bedingungen befolgt und eine wissenschaftliche Prognose mit einem Simulationsprogramm voraussagt, kann man diese Dächer bauen. Wenn es dann in der Theorie funktioniert, ist die glaubensgesättigte Norm glücklich.

Diese Simulationsprogramme berechnen den gekoppelten Wärme- und Feuchtetransport von mehrschichtigen Bauteilen unter natürlichen Klimabedingungen inkl. der Berücksichtigung von Temperatur und Feuchte, Sonnenlichteinfluss, Wind und Wetter, Verdunstungskälte wie auch von Sorption und Kapillarität der Baustoffe. Das ist Ingenieurwissenschaft, klingt aber ein wenig nach Anomalien im Bermudadreieck, was, wie ich weiß, sich einem Teil der Leser sowie einer Mehrheit der nach Selbstbeurteilung durchschnittlichen Bevölkerung nicht erschließt.


Simulieren ist kein Kriterium für Verhindern

Wenige Befürworter dieser Bauweise, zu deren Bewunderern wir im Grundsatz nicht zählen, argumentieren, durch einen solchen hygrothermischen Nachweis könne der rechnerische Beweis und damit die normgerechte Legitimierung »selbstkompostierender Flachdächer« in der Planungsphase erreicht werden. Das ist ein ziemlich substanzieller, aber auch ziemlich theoretischer Grundsatz. Bisher hat niemand die simple Headline unserer Holzschutznorm »Vorbeugende bauliche Maßnahmen im Hochbau«[3] in den Mittelpunkt der Berichterstattung gestellt. Dabei scheint uns in Ansehung gesicherter Erkenntnisse dieser Überschrift naheliegend, dass es grundsätzlich nicht um den theoretischen Holzschutz geht, sondern um den konstruktiven.

Nur am Rande und aus technischer Kleinkrämerei will ich hier den Anwendungsbereich der Norm unterstreichen: »Diese Norm legt vorbeugende bauliche Maßnahmen zur Sicherung der Dauerhaftigkeit von Bauteilen aus Holz oder Holzwerkstoffen fest.« Eine »bauliche Maßnahme« ist aber keine numerische Simulation, sondern eine von der Norm glasklar gestellte und sodann selbsterfüllend beantwortete Vorgabe, und zwar eine »planerische, konstruktive, bauphysikalische und organisatorische Maßnahme, die eine Minderung der Funktionstüchtigkeit von Holz und Holzwerkstoffen […] verhindert oder einschränkt […]«

Die übergroße Mehrheit der zurechnungsfähigen Bundesbürger versteht den Terminus »verhindern« als Inbegriff und sinnstiftendes Ziel von »unmöglich machen«. Das erreicht man, wie auch der Informationsdienst Holz in seinem Leitfaden bestätigt, durch konstruktive, sprich präventive bauliche Maßnahmen.[4] Bitte überlegen Sie sich, verehrte Leserinnen und Leser, einmal kurz die Logik und das Anliegen dieser Regelung: Eine rechnerische Prognose mit Simulationsprogrammen ist kein bestimmungsgemäßes »Verhindern«, sondern ein mutmaßendes »Vorhersagen«.

Die theoretische Prophezeiung kann allerdings als Mittel für ein praktisches Verhindern – auch in Abhängigkeit des Anwenders – gewaltig ins Schwanken geraten. Diese Überzeugung mag auf meiner limitierten Rezeption beruhen – wie aber eine (vorausgehende) abstrakte Berechnung das (zukünftige) konkrete Eindringen von Wasser verhindern soll, ist mir nicht ganz klar. Ich habe dazu in der deutschen Berichterstattung und Kommentierung noch nichts Erhellendes gelesen.

Das Bauen unterscheidet sich von allen anderen Produktionsarten dadurch, dass Entwicklung und Produktion just in time bei Wind und Wetter ohne Prototyp erfolgt. Es ist nicht wie im Automobilbau, wo ein Auto über einen langen Zeitraum entwickelt wird, Vorserien gebaut, getestet und optimiert werden. Und tatsächlich zeigt die Praxis, dass sich die Zuverlässigkeit mitwachsender Größe handwerklichen Drucks bei geringer Fehlertoleranz zusehends einer konkreten Voraussehbarkeit entzieht.

Das vorschriftsmäßige Verhalten dieser Dächer ist grundsätzlich nicht immer konkret und endgültig vorhersehbar. Anders und direkt gesagt: Ich würde bei diesem Flachdachaufbau maßgeblich zu Misstrauen bei Vorhersage(r)n raten. Misstrauen, das man, anders als naturgesetzliche Abläufe, selbstverständlich immer vermeiden könnte, wenn man denn vorher sicher wüsste, was nachher garantiert herauskommt.

[1]     BGH, Beschluss vom 27.01.2021 – VII ZR 140/18; IBR 2021, 366.

[2]     OLG Schleswig Urt. v. 5.7.2023 – 12 U 116/22; NJOZ 2023, 1319.

[3]     DIN 68800-2:2022-02 Holzschutz – Teil 2: Vorbeugende bauliche Maßnahmen im Hochbau.

[4]     Informationsdienst Holz: Holzschutz – Bauliche Maßnahmen, 2015 (holzbau handbuch; 5/2/2).


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